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Saajid Zandolinis Bildsprache spielt bewusst mit Grenzen innerhalb von Wahrnehmung, Erscheinungsform und Ausdrucksweise und wendet sich immer stärker der Reduktion der Formen, Farben und des Farbklanges zu. Figürliche und abstrakte Malweise, sowie reine Farbfelder treffen aufeinander und treten miteinander in Kommunikation.

Sie weiten sich zu Grenzlinien zwischen unterschiedlichen Malweisen, wie dünnem zu dickem und transparentem zu deckendem Farbauftrag, aus. Ebenso werden Grenzlinien zwischen den Ausdrucksweisen unterschiedlicher Kunststile behandelt. Grenzlinien zwischen Erscheinungsweisen der Malerei wie Leere zu Fülle und Form zu Formlosigkeit, oder Farbraum zu gemaltem Objekt erscheinen als innere Horizonte. Hinterfragungen von Abgrenzungen der gemalten Objekte zu deren Entgrenzungen, Absenz eines Gegenstandes zu dessen Präsenz und die Illusion des Gemalten zu dessen Wirklichkeit, sowie der soziale Kontext eines Gegenstandes zu seiner Umgebung drängen sich unscheinbar bis heftig in den Vordergrund.

Seine Annäherungsweise ist nicht intellektuell, sondern praktisch und intuitiv. Seine Bilder entwickelten sich aus vielen gestalterischen Experimenten, wodurch mit der Zeit ein weites technisches Repertoire entstand. Früher bearbeitete er mit deckenden, strukturierten Farbaufträgen via Pinsel, Bürste, Lumpen, Spachtel und Kelle in neoexpressiven Gesten seine Holztafeln und Leinwände; heute sind vermehrt hauchdünne Pinsellasuren und Waschungen, sowie feine, geglättete Spachtellasuren in seinen Bildern zu finden.


Im vollendeten Bild das Entstehen sehen

In Saajid Zandolinis Arbeiten scheint sich der Prozess des Malens nicht hinter dem beendeten Werk zu verbergen. Vielmehr bleibt fast jeder Pinselstrich sichtbar, wird die Umgestaltung einer Landschaft oder Seelenlage direkt nachvollziehbar, schimmert die Struktur der Baumwolle, die oft als Grundlage seiner in Oel gemalten Arbeiten dient, hindurch.
Auffallend ist die Transparenz, die der Künstler mit dem Material Oel erreicht. Zuweilen glaubt man, die Leichtigkeit der Wasserfarbe zu erkennen, sowie denn überhaupt sich der Begriff Wasser beim Betrachten der Bilder immer wieder einstellt. Es ist die Bewegung, die Durchsichtigkeit, die Unergründlichkeit, welche an Seen oder das Meer erinnert, und schliesslich ist es das Geheimnis, welches sich in jedem Wasser verbirgt, das Zandolinis Arbeiten auszeichnet. Und immer wieder sind es die deutlich erkennbaren Pinselstriche, die beispielsweise eine Vorstellung von Schilf oder Unterwasserpflanzen hervorrufen. Und doch sind gleichzeitig Landschaften in den Bildern auszumachen, Landschaften nicht im streng geografischen Sinn, sondern vielmehr Seelenlandschaften, die auch den Begriff der Meditation, der für den Künstler von grosser Bedeutung ist, beinhalten.
Eines ist klar; die in den Bildern scheinbar bestimmende Spontanität ist das Ergebnis sorgfältiger Erarbeitung, was als Eingebung des Augenblicks erscheinen mag, ist auf Dauer angelegt. So erschliessen sich denn die Bilder nur bedingt beim ersten Betrachten; eine weitere Begegnung wird neue Aspekte erlebbar machen.

Annemarie Stüssi Ch


Anspielung und Auflösung

Sich das Spielerische zu bewahren, ist das essentielle Anliegen des in Bern lebenden Malers Saajid G.Zandolini. Als Angehöriger einer jüngeren Generation Schweizer Künstler, die abseits des offiziellen Kunstbetriebes eine eigenständige künstlerische Sprache entwickelt haben, beschäftigt er sich seit Beginn der 80er Jahre intensiv mit dem Medium der Oelmalerei. Köpfe, Portraits und Halbfiguren stehen am Anfang der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Farbig und von eigenwilliger Ausdrucksstärke zielen diese Arbeiten nur ausnahmsweise auf erkennbare Aehnlichkeit ab. Mehr und mehr beginnt sich aufzulösen, was anfangs die expressive Strenge der gelegentlich an Masken erinnernden Bilderfindung ausmacht. Hinterfragt wird grundsätzlich die scheinbare Eindeutigkeit der Form, schliesslich genügen dem Künstler wenige Anspielungen, um Wesentliches malerisch zu konkretisieren. Liegende Köpfe treten sodann auf den Plan. Aus ihnen entwickelt Zandolini einprägsame Gesichtslandschaften. Formen und Farben beginnen hier jenen spannungsvollen Dialog zu führen, der sich in den seit 1996 geschaffenen Landschaften fortsetzt.

Zandolinis Vorgehensweise, seine schöpferische Auseinandersetzung mit dem altehrwürdigen Thema Landschaft, lässt sich am besten mit dem Begriff Anspielung und Auflösung beschreiben. Dies gilt für die in jüngster Zeit entstandenen Tuschpinselzeichnungen ebenso wie für die Oelbilder. Betrachtet man die Landschaftsbilder aus einiger Distanz, wird man immer wieder Vertrautes entdecken.

Aus dem Miteinander von Weiss, Gelb, fein abgestuftem Blau, vielfach gebrochenen Rot - und erdigen Brauntönen, entwickelt der Berner Künstler differenzierte Formen, die unweigerlich an steil aufragende Felsformationen, schneebedeckte Gipfel oder Bergketten denken lassen. Schemenhafte aus dem Duktus des Farbreliefs auftauchend, fungieren sie als steinerne Folie für stille Seen, eingebettet in sanft anschwellende Hügelformationen. Die Landschaften Zandolinis wollen indes nicht Abbild, Nachbild oder Idylle sein. Vielmehr ist es ihr Anliegen, in der Natur vorgefundenes, Vertrautes und Gesehenes aufzugreifen und zu interpretieren. Ohne die Welt der sichtbaren Dinge ganz hintere sich zu lassen, nähert sich der Künstler im Atelier seinem Thema an. Dabei gilt es zunächst die Schwierigkeit zu meistern, die Vorstellung von Landschaft, wie sie sich der eigenen Erinnerung einmal eingeprägt hat, plötzlich aufkeimende Bilder und Erinnerungen, im Mal - und Arbeitsprozess unterzubringen. Oft verlangt dieser Vorgang dem Maler Unterbrechungen seiner Arbeit ab. Uebermalungen und beständige Eingriffe in die Form - und Farbsubstanz mit Spachtel und Bürste dokumentieren plastisch den Prozess der Suche und des meditativen Ordnens im Spannungsfeld zwischen Anspielung und Auflösung.

Die Landschaften Zandolinis zu betrachten bedeutet, sich einzulassen auf diesen spannenden Prozess des Tastens und des Abwägens bei der Suche nach einer harmonischen Bildwirkung. Jüngst entstandene Arbeiten in der Art der monochromen Landschaften in Gelb und Blau, nunmehr reine Farbgebilde, die ohne jeden Horizont und ohne Anspielung auf Gegenständliches auskommen, stehen nicht etwa für den Abschied von der Form und der gestischen Kraft der sich zu Landschaften verdichteten Farbreliefs. Es sind vielmehr Zwischenprodukte, spielerische Experimente in Gestalt einer tabula rasa, die dazu dienen, Atem zu schöpfen, Kräfte zu sammeln, die eigene Position zu hinterfragen und neu zu bestimmen. Seinen Bildern gesteht Zandolini nur ausnahmsweise zu, abgeschlossen zu sein. Zweifel, der Prozess des Reifens und der Umsetzung einer Bildidee, spontane Einfälle, der Anspruch, exakt und genau zu arbeiten, hinterlassen deutliche Spuren auf dem Bildträger und geben Auskunft über den komplexen Arbeitsprozess, der manchmal nur einen Tag in Aspruch nimmt, aber auch Wochen, ja sogar Jahre andauern kann. “ Wer kann schon sagen, wohin der Weg führen wird “, gesteht Zandolini mit Blick auf seine eigene Arbeit offen ein und fasst damit gewissermassen noch einmal in Worte, was in seinen Bildern präsent ist und ihren besonderen Reiz ausmacht :
Formen und Farben, die spannungsvolle Choreographie beständiger und sich verflüchtigender Bildwerte lassen den Betrachter das Transitorische der Natur nacherleben.

Andreas Priever Leipzig D


Landschaften

Wer den Gemälden Zandolinis gegenübersteht, meint aus der Entfernung eine fast abstrakte Darstellung von Natur zu erkennen. Vor der Landschaft liegt ein zarter metaphysischer Schleier, der sie einer distanziert analytischen Betrachtung entrückt. Hinter den Landschaften verbirgt sich eine Sphäre, welche sich dem forschenden Geist entzieht. Wer sich meditativ ins Bild versenk, wird von der ausgestrahlten Energie erfasst. Die Farben scheinen in einem eigentümlichen Rhythmus auf der Leinwand zu schwingen, als seien sie aufgeladen und wollten diese Energie an den Betrachter weitergeben. Lässt man sich auf diesen Farbentanz ein, vertieft sich in ihn, dann hört man vielleicht sogar den zarten Klang des Regens oder das Rauschen des Meeres.
Angedeutete karge Hügelformen, stille Seen, dichte Wälder oder unscharfe Horizontlinien schlagen als Zeichen einer gegenständlichen Welt die visuellen Brücken ins Bild.
Saajid Zandolini malt seine Landschaften jedoch nicht in der freien Natur. Sie entstehen im Atelier und sind keinesfalls als Abbilder einer vorhandenen Wirklichkeit zu verstehen, wenngleich sie durch ihre gegenständlichen Akzente immer auch einen Bezug zum Leben haben. Gleichwohl dienen die gegenständlichen Zeichen auch als Element der Bildgestaltung. Sie erzeugen Dynamik, reissen gleichmässig tonale Ebenen auf oder geben der Farbigkeit ein unauffällig konstruktives Gerüst.
Tritt man nun näher an die Bilder heran, um sich den Details der Landschaften zu widmen, so zeigt sich eine ganz andere Realität. Der Blick ist irritiert, weil der Wunsch nach Verdeutlichung nicht erfüllt wird. Was eben noch als kräftiger Regenguss erschien, wird jetzt zum heftigen Bürstenstrich, die Klippe am Meer zur Spachtelmarkierung. Der Malprozess wird selbst zum Motiv – Farbe als Farbe, die ihre eigene Materialität thematisiert. Die Bilder verleugnen daher nie ihre Illusion und nie ihre Wirklichkeit. Indem der Künstler seine schöpferischen Möglichkeiten auslotet, die eigene Energie mit der des Bildes verbindet, gerät das Malen zum spielerischen Experiment, zur Auseinandersetzung mit dem Thema Bild an sich.
Die Landschaftsbilder von Saajid Zandolini sind weder abstrakt noch gegenständlich, sie beinhalten beide Eigenschaften gleichermassen. Was aus der Ferne vorgibt eine Landschaft zu sein, wird in der Nähe zum Farbenspiel. Der Betrachter wird auf sich und sein eigenes Sehen zurückgeworfen, muss sich fragen was Realität ist.
Ein Bild kann niemals Realität abbilden, es bietet nur die Illusion von Realität.
Aber ein Bild ist immer Realität in seiner eigenen Farb-Form-Materialität.

Tilo Grabach D